Zitate

aus Briefen Heinrich von Kleists, zitiert nach:

Heinrich von Kleist. Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden.

Band 4 - Herausgegeben von Klaus Müller Salget und Stefan Ormanns.
Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag, 1997.


„Ein freier, denkender Mensch bleibt nicht da stehen, wo der Zufall ihn hinstößt; oder wenn er bleibt, so bleibt er aus Gründen, aus Wahl des Bessern.“
An Ulrike von Kleist; Frankfurt (Oder), Mai 1799.

„Man sagte, ich sei zu alt, zu studiren. Darüber lächelte ich im Innern; weil ich mein Schicksal voraus sah, einst als Schüler zu sterben, und wenn ich auch als Greis in die Gruft führe.“
An Christian Ernst Martini; Potsdam, 19. März 1799.

„Die Frage war die: ob ein Fall möglich sei, in welchem ein denkender Mensch der Ueberzeugung eines Andern mehr trauen solle, als seiner eigenen?“
An Christian Ernst Martini; Potsdam, 18. März 1799.

„[...] und ich hoffe und glaube auch für diesen Fall, daß es mir dann leicht werden wird, mich für das Besondere eines Amtes zu bilden, wenn ich mich für das Allgemeine, für das Leben gebildet habe.“
An Christian Ernst Martini; Potsdam, 19. März 1799.

„Wärst Du ein Mann oder nicht meine Schwester, ich würde stolz sein, das Schicksaal meines ganzen Lebens an das Deinige zu knüpfen.“
An Ulrike von Kleist; Frankfurt (Oder), Mai 1799.

„Was ist wünschenswerther, auf eine kurze Zeit, oder nie glücklich gewesen zu sein?“
Denkübungen für Wilhelmine von Zenge; Frankfurt (Oder), Frühjahr bis Sommer 1800.

„Was ist besser, gut sein oder gut handeln?“
Denkübungen für Wilhelmine von Zenge; Frankfurt (Oder), Frühjahr bis Sommer 1800.

„Darf man wohl von einem Menschen immer mit unerbittlicher Strenge die Erfüllung seiner Pflichten verlangen, oder kann man nicht schon mit ihm zufrieden sein, wenn er seine Pflichten nur immer anerkennt u den guten Willen, sie zu erfüllen, nie verliert?“
Denkübungen für Wilhelmine von Zenge; Frankfurt (Oder), Frühjahr bis Sommer 1800.

„Darf man jeden irrigen Grundsatz anderer Menschen bekämpfen, oder muß man nicht unschädliche Grundsätze dulden u ehren, wenn an ihnen die Ruhe eines Menschen hangt?“
Denkübungen für Wilhelmine von Zenge; Frankfurt (Oder), Frühjahr bis Sommer 1800.

„Was knüpft die Menschen mehr mit Banden des Vertrauens aneinander, Tugenden oder Schwächen?“
Denkübungen für Wilhelmine von Zenge; Frankfurt (Oder), Frühjahr bis Sommer 1800.

„Vertrauen u Achtung, das sind die beiden unzertrennlichen Grundpfeiler der Liebe, ohne welche sie nicht bestehen kann; denn ohne Achtung hat die Liebe keinen Werth u ohne Vertrauen keine Freude.“
An Wilhelmine von Zenge; Frankfurt (Oder), vermutlich April / Mai 1800.

„Edler u besser sollen wir durch die Liebe werden.“
An Wilhelmine von Zenge; Frankfurt (Oder), vermutlich April / Mai 1800.

„Denn nicht durch Worte aber durch Handlungen zeigt sich wahre Treue u wahre Liebe.“
An Wilhelmine von Zenge; Frankfurt (Oder), vermutlich April / Mai 1800.

„Ach, Wilhelmine, ich erkenne nur ein höchstes Gesetz an, die Rechtschaffenheit, u die Politik kennt nur ihren Vortheil.“
An Wilhelmine von Zenge; Frankfurt (Oder), April / Mai 1800.

„Die Menge von Erscheinungen stört das Herz in seinen Genüssen, man gewöhnt sich endlich in ein so vielfaches eitles Interesse einzugreifen, u verliert am Ende sein wahres aus den Augen.“
An Wilhelmine von Zenge; Berlin, 16. August 1800.

„- Ach, ich verzeihe es Dir. Du wirst genug leiden durch Deine Reue - [..].“
An Wilhelmine von Zenge; Würzburg, 19. September 1800.

„Knüpfe Dich wieder an mich, thue es mit blinder Zuversicht.“
An Wilhelmine von Zenge; Würzburg, 19. September 1800.

„Langeweile ist nichts als die Abwesenheit aller Gedanken, oder vielmehr das Bewußtsein ohne beschäftigende Vorstellungen zu sein.“
An Wilhelmine von Zenge; Würzburg, 20. September 1800.

„Ich soll thun was der Staat von mir verlangt, u doch soll ich nicht untersuchen, ob das, was er von mir verlangt, gut ist. Zu seinen unbekannten Zwecken soll ich ein bloßes Werkzeug sein – ich kann es nicht.“
An Wilhelmine von Zenge; Berlin, 13. November 1800.

„[...] ich darf kein Amt wählen, weil ich das ganze Glück, das es gewähren kann, verachte.“
An Wilhelmine von Zenge; Berlin, 13. November 1800.

„Unaufhörliches Fortschreiten in meiner Bildung, Unabhängigkeit u häußliche Freuden, das ist es, was ich unerlaßlich zu meinem Glücke bedarf.“
An Ulrike von Kleist; Berlin, 25. November 1800.

„Warum, dachte ich, sinkt wohl das Gewölbe nicht ein, da es doch keine Stütze hat? Es steht, antwortete ich, weil alle Steine aufeinmal einstürzen wollen - u ich zog aus diesem Gedanken einen unbeschreiblich erquickenden Trost, der mir bis zu dem entscheidenden Augenblicke immer mit der Hoffnung zur Seite stand, daß auch ich mich halten würde, wenn Alles mich sinken läßt.“
An Wilhelmine von Zenge; Berlin, 16. November 1800.

„Wenn ich doch zuweilen vergnügt bin, so bin ich es nur durch die Erinnerung an Dich.“
An Wilhelmine von Zenge; Leipzig, 1. September 1800.

„Und Dein Herz wird Dir beben, wenn Du in meines blicken wirst, das verspreche ich Dir.“
An Wilhelmine von Zenge; Würzburg, 19. September 1800.

„- In Kurzem wird hier eine Procession sein, zur Niederschlagung der Feinde, und, wie es heißt, ‚zur Ausrottung aller Ketzer.‘ Also auch zu Deiner u meiner Ausrottung –“
An Wilhelmine von Zenge; Würzburg, 11. September 1800.

„Es scheint als ob jeder erst abwarten wollte, wie man ihm kommt, um dann dem Andern eben so zu kommen. Aber das ist eben das Eigenthümliche der katholischen Städte.“
An Wilhelmine von Zenge; Würzburg, 12. September 1800.

„In meiner Seele sieht es aus, wie in dem Schreibtische eines Philosophen, der ein neues System ersann, u einzelne Hauptgedanken auf zerstreute Papiere niederschrieb.“
An Wilhelmine von Zenge; Würzburg, 10. Oktober 1800.

„Große Empfindungen zeigen eine starke, umfassende Seele an. Wo der Wind das Meer nur flüchtig kräuselt, da ist es flach, aber wo er Wellen thürmt, da ist es tief- [...].“
An Wilhelmine von Zenge; Berlin, 21. Januar 1801.

„Daher kann ein Wechsler die Ächtheit der Banknote, die sein Vermögen sichern soll, nicht ängstlicher untersuchen, als ich Deine Seele [...].“
An Wilhelmine von Zenge; Berlin, 11. / 12. Januar 1801.

„[...] der Eigennutz die Menschen treibt [...].“
An Wilhelmine von Zenge; Berlin, 31. Januar 1801.

„Aber glaube mir, es ist sehr schwer immer ganz uneigennützig zu sein.“
An Wilhelmine von Zenge; Berlin, 31. Januar 1801.

„Ach, es giebt kein Mittel, sich Andern ganz verständlich zu machen u der Mensch hat von Natur keinen andren Vertrauten, als sich selbst.“
An Ulrike von Kleist; Berlin, 5. Februar 1801.

„Die Nothwendigkeit, eine Rolle zu spielen, und ein innerer Widerwillen dagegen machen mir jede Gesellschaft lästig, u froh kann ich nur in meiner eignen Gesellschaft sein, weil ich da ganz wahr sein darf.“
An Ulrike von Kleist; Berlin, 5. Februar 1801.

Wissen kann unmöglich das Höchste sein – handeln ist besser als wissen.“
An Ulrike von Kleist; Berlin, 5. Februar 1801.

„Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint.“
An Wilhelmine von Zenge; Berlin, 22. März 1801.

„Ich habe mich zwingen wollen zur Arbeit, aber mich eckelt vor Allem, was Wissen heißt.“
An Ulrike von Kleist; Berlin, 23. März 1801.

„Hier in Berlin finde ich nichts, das mich auch nur auf einen Augenblick erfreuen könnte.“
An Wilhelmine von Zenge; Berlin, 28. März 1801.

„Also niemals Mißtraun und Bangigkeit. Vertrauen auf uns, Einigkeit unter uns.“
An Wilhelmine von Zenge; 9. April 1801.

„Für die Zukunft leben zu wollen – ach, es ist ein Knabentraum, und nur wer für den Augenblick lebt, lebt für die Zukunft.“
An Wilhelmine von Zenge; Leipzig, 21. Mai 1801.

„Bei den Küssen seines Weibes denkt ein ächter Chemiker nichts, als daß ihr Athem Stickgas u Kohlenstoffgas ist.“
An Adolphine von Werdeck; Paris, 29. Juli 1801.

„ - Ach, es muß öde u leer und traurig sein, später zu sterben als das Herz –“
An Karoline von Schlieben; Paris, 18. Juli 1801.

„[...] - o wie unbegreiflich ist der Wille, der über uns waltet! –“
An Wilhelmine von Zenge; Paris, 21. Juli 1801.

„[...] Aber Geduld! – Geduld -? Kann der Himmel die von seinen Menschen verlangen, da er ihnen selbst ein Herz voll Sehnsucht gab?“
An Wilhelmine von Zenge; Paris, 21. Juli 1801.

„Ach, es ist meine angebohrne Unart, nie den Augenblick ergreifen zu können, u immer an einem Orte zu leben, an welchem ich nicht bin, und in einer Zeit, die vorbei ist, oder noch nicht da ist.“
An Adolphine von Werdeck; Paris, 29. Juli 1801.

„Aber - kehren uns nicht alle irrdischen Gegenstände ihre Schattenseite zu, wenn wir in die Sonne sehen -?“
An Adolphine von Werdeck, Paris, 28. und 29. Juli 1801.

„Ein Staat kennt keinen andern Vortheil, als den er nach Procenten berechnen kann.“
An Wilhelmine von Zenge; Paris, 15. August 1801.

„Glaubst Du daß sich die Leute in der Stadt lieben?“
An Wilhelmine von Zenge; Paris, 27. Oktober 1801

„Ordentlich ist heute die Welt; sagen Sie mir, ist sie noch schön?“
An Adolfine von Werdeck; Paris, zwischen Ende September und Mitte November 1801.

„Die armen lechzenden Herzen! Schönes u Großes mögten sie thun, aber niemand bedarf ihrer, Alles geschieht jetzt ohne ihr Zuthun.“
An Adolfine von Werdeck; Paris, zwischen September und November 1801.

„Ach, das Leben wird immer verwickelter u das Vertrauen immer schwerer.“
An Adolphine von Werdeck; Frankfurt am Main, 29. November 1801.

„ [...] Brandenburg, wo, wie Sie auch wissen, der Künstler bei der Arbeit eingeschlummert zu sein scheint.“
An Heinrich Zschokke; Thun, 1. Februar 1801 [1802.]

„- Du riethest mir einmal in Paris, ich mögte, um heitrer zu werden, doch kein Bier mehr trinken, und sehr empfindlich war mir diese materialistische Erklärung meiner Trauer - jetzt kann ich darüber lachen, u ich glaube, daß ich auf dem Wege zur Genesung bin.“
An Ulrike von Kleist; Bern, 12. Januar 1802.

„Ich bitte Gott um den Tod und dich um Geld, das du auf mein Hausantheil erheben mußt.“
An Wilhelm von Pannwitz; Bern, August 1802.

„Ich wollte ich könnte mir das Herz aus dem Leibe reißen, in diesen Brief packen, und dir zuschicken.“
An Ulrike von Kleist; Leipzig, 13./14. März 1803.

„Du stelltest das Zeitalter der Griechen in meinem Herzen wieder her, ich hätte bei dir schlafen können, du lieber Junge; so umarmte dich meine ganze Seele! Ich habe deinen schönen Leib oft, wenn du in Thun vor meinen Augen in den See stiegest, mit wahrhaft mädchenhaften Gefühlen betrachtet. [...] Ich heirathe niemals, sei [du] die Frau mir, die Kinder, und die Enkel!“
An Ernst von Pfuel; Berlin, 7. Januar 1805.

„Denn es kommt überall nicht auf den Gegenstand, sondern auf das Auge an, das ihn betrachtet, und unter den Sinnen eines Denkers wird alles zum Stoff.“
An Karl Freiherrn von Stein zum Altenstein; Königsberg, 13. Mai 1805.

„Ja, wenn man Thränen schreiben könnte [...].“
An Karl Freiherrn von Stein zum Altenstein; Königsberg, 4. August 1806.

„Wär ich zu etwas Anderem brauchbar, so würde ich es von Herzen gern ergreifen: ich dichte bloß, weil ich es nicht lassen kann.“
An Otto August Rühle von Lilienstern; Königsberg, 31. August 1806.

„Menschen, von unsrer Art, sollten immer nur die Welt denken.“
An Ulrike von Kleist; Châlons-sur-Marne, 8. Juni 1807.

„Denn nicht das was den Sinnen dargestellt ist, sondern das was das Gemüth, durch diese Wahrnehmung erregt, sich denkt, ist das Kunstwerk.“
An Marie von Kleist; Châlons-sur-Marne, Juni 1807.

„Die verschiednen Momente in der Zeit, da mir ein Freund erscheint, kann ich so zusammenknüpfen, daß sie wie ein Leben aussehen, und die fremden Zeiträume, die zwischen ihnen sind, ganz verschwinden.“
An Adolphine von Werdeck; Dresden, 30. Oktober, 1807.

„[...] so will ich lauter Werke schreiben, die in die Mitte der Zeit hineinfallen.“
An Karl Freiherrn von Stein zum Altenstein; Dresden, 1. Januar 1809.

„Ich auch finde, man muß sich mit seinem ganzen Gewicht, so schwer oder leicht es sein mag, in die Waage der Zeit werfen [...].“
An Heinrich Joseph Collin; Dresden, 20. und 23. April 1809.

„Dadurch, daß ich mit Schönheit und Sitte, seit meiner frühsten Jugend an, in meinen Gedancken und Schreibereien, unaufhörlichen Umgang geflogen bin ich so empfindlich geworden, daß mich die kleinsten Angriffe, denen das Gefühl jedes Menschen nach dem Lauf der Dinge hiniden ausgesetzt ist, doppelt und dreifach schmerzen.“
An Marie von Kleist; Berlin, 10. November 1811.

„Erinnern Sie das Volk daran, daß es da ist; das Buch ist eins von denen, welche die Störrigkeit der Zeit, die sie einengt nur langsam wie eine Wurzel den Felsen, sprengen können [...].“
An Friedrich de la Motte Fouqué; Berlin, 25. April 1811.

„Das Urtheil der Menschen hat mich bisher viel zu sehr beherscht [...].“
An Marie von Kleist; Berlin, Mai [?] 1811.

„Sie haben in Ihren Worten so viel Ausdruck, als in Ihren Augen.“
An Rahel Levin; Berlin, 24. Oktober 1811.

„Der Himmel weiß, meine liebe treffliche Freundin, was für sonderbare Gefühle halb wehmüthig halb ausgelassen, uns bewegen, in dieser Stunde, da unsre Seelen sich, wie zwei fröhlige Luftschiffer, über die Welt erheben [...].“
An Sophie Müller; Berlin, 20. November 1811.