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László Földényi verlieh den Kleist-Preis 2018 an Christoph Ransmayr

Der Kleist-Preis 2018 wurde Christoph Ransmayr am 18. November 2018 in Berlin von dem ungarischen Kunsttheoretiker, Essayist, Literaturkritiker und Übersetzer László Földényi  während einer denkwürdigen Matinée im Deutschen Theater übergeben. Arrangiert wurde die Preis-Verleihung von Ulrich Khuon und Ulrich Beck. Die bewegende Rede von Christoph Ransmayr, oder besser die autobiographische Erzählung zum Thema Kohlhaas-mein-Vater, wird im Dezember in der FAZ veröffentlicht werden, später dann im Kleist-Jahrbuch 2019 vollständig erscheinen, die Laudatio von László Földényi ist hier nachzulesen und zu hören.

Das Grußwort sprach der Präsident der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft, Prof. Dr. Günter Blamberger (hier nachzulesen und zu hören). Maren Eggert las aus dem Werk Ransmayrs und Heinrich von Kleists.
Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung von dem Posaunisten Christian Muthspiel.

Die Jury des Kleist-Preises, die László Földényi zur Vertrauensperson gewählt hatte und die gemäß der Tradition des Kleist-Preises den Preisträger in alleiniger Verantwortung bestimmt, bestand diesmal aus Andrea Bartl (Universität Bamberg), Günter Blamberger (Universität zu Köln), Florian Borchmeyer (Dramaturg Schaubühne Berlin), Gabriele Brandstetter (Freie Universität Berlin), Florian Hoellerer (Literarisches Colloquium Berlin), Michael Maar (freier Autor Berlin) und Sigrid Weigel (Zentrum für Literaturforschung Berlin). 

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László Földényi: Im Banne des weißen Fleckes

Laudatio anlässlich der Verleihung des Kleist-Preises an Christoph Ransmayr

Ob Heinrich von Kleist zu Lebzeiten je den Kleist-Preis erhalten hätte? Vermutlich nicht. Nein, gewiss nicht. „Was ... den Styl betrifft, so ist dieser zu undeutsch, steif, verschroben, und … gemein”, schrieb etwa Karl August Böttiger, einer der maßgeblichen Kritiker der Zeit, über die Marquise von O..... Die Ansicht, dass Kleist des Deutschen nicht wirklich mächtig und seine Sprache unmöglich sei, war allgemein verbreitet. Der Kleist-Preis für einen Autor, der im Schatten Goethes derart umständlich beschreibt, wie Lisbeth der Atem stockt, als sie erfährt, dass Kohlhaas seine Besitzungen verkaufen will – einer meiner Lieblingssätze aus Kohlhaas: „Sie wandte sich, und hob ihr Jüngstes auf, das hinter ihr auf dem Boden spielte, Blicke, in welchen sich der Tod malte, bei den roten Wangen des Knaben vorbei, der mit ihren Halsbändern spielte, auf den Roßkamm, und ein Papier werfend, das er in der Hand hielt.“

Ein verschrobener Satz, ohne Zweifel. Müsste ich nach zeitgenössischen Parallelen suchen, fielen mir als erstes nicht Schriftsteller, sondern ein Gemälde ein: Caspar David Friedrichs Das Eismeer. Dort sind es die Eisschollen, die sich genauso brüchig übereinander schieben wie hier die Hypotaxen und Parataxen, sie bringen den feststeckenden Schiffsrumpf zum Bersten, zersprengen alles. Selbst die Leinwand vermag sie kaum zusammenzuhalten. Und doch ist das Ganze genau konstruiert, der Entwurf makellos. Und doch ist das Ganze genau konstruiert, der Entwurf makellos. Wie auch Kleists Satz, der einerseits labyrinthisch strukturiert ist, andererseits aber auch zielgerichtet; am Ende kommt die Grammatik doch zu ihrem Recht. Das Gemälde würde ich persönlich Eisfalle nennen. Das Schiff steckt in der Falle, die Bildkonstruktion steckt in der Falle. Bei Kleist wiederum steckt die Sprache in der Falle. Und dennoch hat das Ganze etwas Erhabenes, Betörendes.

Eisfalle. Der Ausdruck stammt natürlich nicht von mir, ich habe ihn Christoph Ransmayr entlehnt, seinem Roman Die Schrecken des Eises und der Finsternis, der Szene, in der die verunglückten Nordpolreisenden zur Einsicht gelangen, dass sich „die Eisfalle ... nicht mehr öffnen” wird. Hier habe ich aber nicht das Eis und den Schnee und auch nicht die Geschichte der Nordpol-Expedition im Blick, sondern die eigentümliche Satzstruktur, die sich so schwer tat, in der deutschsprachigen Literatur akzeptiert zu werden. Zwei Jahrhunderte später sehe ich sie in den Büchern Christoph Ransmayrs wieder zum Leben erwachen. Wenn ich ihn lese, habe ich oft das Gefühl, auch Kleists Stimme zu hören. Wie Kleist schickt auch er seine Sätze behutsam auf den Weg, mit „langsamem, schweifendem Blick”, wie Cyparis, der Liliputaner, seine Kamera in Die letzte Welt, bevor er das Dickicht der Hypotaxen und Parataxen betritt, die den Leser zwingen, ihm immer konzentrierter zu folgen, um sich nicht zu verirren, bis er schließlich unvermittelt doch noch ins Ziel gelangt. Und überrascht feststellt, dass die Sätze in eine neue, bis dahin nie wahrgenommene Welt Einblick gewähren. Ja, eine neue Welt erschaffen. Hier ein beliebig ausgewählter Satz aus seinem Buch Atlas eines ängstlichen Mannes, in dem der Autor eine Gruppe Betender vor den Gittertoren der Anstaltskirche des Psychiatrischen Krankenhauses Am Steinhof in Wien beschreibt:

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Aus dem Ungarischen von Akos Doma

(Vollständiger Redetext ...)


Günter Blamberger: Überlebenskunst

Rede zur Verleihung des Kleist-Preises an Christoph Ransmayr am 18. November 2018 im Deutschen Theater Berlin

Liebe Mitglieder und Freunde der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft, sehr verehrte Frau Schoeller, lieber Herr Khuon, lieber László Földényi, lieber und heute zu ehrender Christoph Ransmayr,

Dichter wird man schon als Kind, in den Sehnsüchten, an die man sich später erinnert, weil sie niemals eingelöst wurden. Am stärksten könnte die Sehnsucht sein, dass das Leben immer neue Anfänge ermöglicht, wie es der 15. Gesang von Ovids Metamorphosen verspricht: „Entstehen und Werden/ heißt nur, anders als sonst anfangen zu sein, und Vergehen,/ nicht mehr sein wie zuvor [...]“. Darauf hoffte auch Kleist nach seiner Abreise aus Frankfurt an der Oder im Spätsommer 1800. Er verging sich, um anders zu werden. 1802 kam der Ex-Soldat und Ex-Student in die Schweiz und entdeckte in Thun an einem Haus eine Inschrift: „Ich komme, ich weiß nicht, von wo? Ich bin, ich weiß nicht, was? Ich fahre, ich weiß nicht, wohin? Mich wundert, dass ich so fröhlich bin.“ Dieser Spruch gefiele ihm „ungemein“, so Kleist an seinen Freund Zschokke. Und Zschokke schrieb über seine Schweiz-Touren damals mit Kleist und Ludwig Wieland, dass – Zitat - „die drei jungen Poeten“ wie „Schmetterlinge“ umherschwärmten, „die überall Paradiese und Wüsten, Götter und Ungeheuer sahn, wo sie kein andres Auge fand.“ Und Kleist war keiner, der nur in seiner Jugend Flügel haben wollte, um sie später abzulegen und wieder als Raupe von dem Blatt zu zehren, auf das man zufällig beschränkt wird. 

Thun wird für Kleist zum Nicht-Ort, zu einem Ort der Utopie wie der Melancholie, zu einem Ort, wo sein altes Leben zugrunde gehen und er zugleich auf den Grund seines Daseins gehen und sich neu entwerfen kann. Als Dichter. In und durch Literatur. Hier schreibt er sein erstes Drama, Die Familie Schroffenstein, eine Variation des Romeo- und Julia-Stoffes. Kleists Liebende heißen Agnes und Ottokar, sie fliehen vor ihren miteinander verfeindeten Familien, in einem Idyll im Gebirge träumen sie von einem Neuanfang, dann kommen ihnen die Väter nach, und weil die Kinder die Kleider getauscht haben, um sich zu schützen, tötet jeder Vater, zornesblind, aus Versehen das eigene Kind. Der Tod der Kinder ist der Preis ihrer Mündigkeit. Ein Idyll im Gebirge findet sich auch in Kleists Brief an seine Schwester Ulrike vom Mai 1802, der Ihnen am Anfang dieser Matinée so glaubhaft vorgelesen wurde. Vielleicht gab es ein Mädeli, das Kleist werktags den Haushalt besorgte und sonntags in die Kirche ging. Dass Kleist mit ihr morgens aufbrach, während der Zeit ihrer Andacht das Schreckhorn bestieg und danach gemeinsam mit ihr ins Häuschen zurückkehrte, ist dagegen eine ausgemachte Schwindelei bzw. Produkt dichterischer Einbildungskraft, denn für den Aufstieg auf das 4078 Meter hohe und von Thun 70 km entfernte Schreckhorn, das noch heute als der bergsteigerisch anspruchsvollste aller Berner Viertausender gilt, dürfte die Dauer einer Andacht kaum ausreichen. Kleists Schwester ließ sich von den Briefen ihres Bruders selten täuschen, sie wusste, dass die Schweiz gerade alles andere als ein Idyll war, angesichts des Streites zwischen Unitariern und Föderalisten. So fuhr sie im Herbst 1802 von Frankfurt (Oder) bis ins Berner Land, schlug sich dabei durch „bewaffnete Truppen“ und holte den inzwischen mittellosen Bruder aus den Bürgerkriegswirren heraus. In die brandenburgische Heimat zurück konnte sie ihn nicht mehr bewegen. Er reiste mit ihr und ohne sie weiter.

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(Vollständiger Redetext ...)


Internationale Jahrestagung der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft 2018 (in Kooperation mit der Deutschen Schillergesellschaft)

Kleist und Schiller: Auftritt der Moderne

Weitere Informationen und Tagungsprogramm hier.


Das Kleist-Jahrbuch 2018 ist erschienen.

Andrea Allerkamp, Günter Blamberger, Anne Fleig, Barbara Gribnitz, Hannah Lotte Lund und Martin Roussel (Hrsg.)

Im Auftrag des Vorstandes der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft und des Kleist-Museums.

Verlag: J.B. Metzler 

VI, 320 S., kartoniert, Preis: EUR 39,99, ISBN: ISBN 978-3-476-04667-3

(Mehr Informationen hier.)



Günter Blamberger: Zwischen Verzweiflung und Verantwortung

Foto (c) Susanne Schleyer / Suhrkamp Verlag

Rede des Präsidenten der Kleist-Gesellschaft Prof. Günter Blamberger zur Verleihung des Kleist-Preises an Ralf Rothmann, Deutsches Theater Berlin, 19.11.2017

Liebe Mitglieder und Freunde der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft, sehr geehrter Herr Staatssekretär Wöhlert, liebe Frau Unseld-Berkéwicz, lieber Herr Khuon, lieber Herr Beck und Frau Wulff, lieber Herr Zischler, lieber und heute zu ehrender Herr Rothmann,

das Versäumen einer barmherzigen Handlung galt im Mittelalter noch als Schuld, als Zeichen einer Abwendung von Gott, einer Aufgabe des Gottesbezuges zugunsten des Selbstbezuges, von der man zwei Seiten kannte. Die passive Form: die Trägheit aus Verzweiflung und Zweifel an einer sinnvollen Weltordnung, und die aktive Form: den Zorn. Acedia hieß die eine, Ira die andere, und beide galten nicht als lässliche und verzeihliche, sondern als Todsünden. Im Zorn, aus enttäuschtem Rechtsbegehren, wendet sich Kleists Kohlhaas vom Guten ab. Um der Rache willen versäumt er die Sorge um seine Familie, bis seine Frau Lisbeth auf dem Totenbett liegt, und vergeht sich danach grausam gegen Schuldige wie Unschuldige, unfähig seinen Feinden zu vergeben, wie Luther ihm vorwirft.Kleist ist in Zweifel und Verzweiflung eher ein Spezialist für den Zorn, für Hyperbolik und abgründige Wortspiele, Rothmann in der Anklage eher ein Spezialist für den Zweifel und die Verzweiflung in aller Lakonie. Das Versäumen einer barmherzigen Handlung kommt scheinbar belangloser daher, wie im Falle der Erzählung Gethsemane, in der ein Mann ins Berliner Prinzenbad geht, um seinen täglichen Morgenkilometer zu schwimmen. Das Becken wird noch gesäubert, er muss warten und weiß zugleich, dass seine Lebensgefährtin todkrank in der Klinik nebenan liegt und er nicht zu spät kommen darf,  um ihr in ihren letzten Stunden beizustehen. Trotzdem schwimmt er, und als er endlich in die Klinik kommt, ist das Bett seiner Freundin leer. So grausam wie banal ist das, und so schmerzlich wahr. Von Schuld ist in dieser Erzählung explizit nicht die Rede, von der Spannung zum Absoluten implizit durch den biblischen Titel Gethsemane, der an das Verhalten der Jünger erinnert, die Jesus in seiner Todesangst im Garten Gethsemane allein ließen, weil sie einschliefen, statt mit ihrem Herrn zu beten. Offen bleibt, ob diese Anspielung den zögerlichen Schwimmer entschuldigt, ob der Leser dessen Gleichgültigkeit als allzumenschliche erkennen und mit ihm auf Vergebung hoffen darf. 

(Vollständiger Redetext ...)


Neues Kleist-Jahrbuch 2017 erschienen

Das  "Kleist-Jahrbuch 2017" dokumentiert die Verleihung des Kleist-Preises 2016 mit den Reden der Preisträgerin Yoko Tawada, der Vertrauensperson der Jury Ulrike Ottinger und des Präsidenten der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft Günter Blamberger. Mehr hier ...


Kleists Shakespeare - Internationale Jahrestagung der
Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft

Vorm 17.–19. November 2016 fand im Berliner LCB die internationale Jahrestagung zu Kleists Shakespeare statt.

Organisiert wurde sie von der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft. Die Tagung fand im Literarischen Colloquium Berlin statt, unweit Kleists Grab am Wannsee. Es sprachen renommierte Kleist- und Shakespeare-Forscher zum Verhältnis der beiden Dichter, etwa die Präsidentin der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft Prof. Dr. Claudia Olk, der Erste Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft Prof. Dr. Christian Moser, und namhafte Experten wie etwa Prof. Dr. David Wellbery (Chicago), Prof. Dr. Anne Fleig (Berlin), Prof. Dr. Justus Fetscher (Mannheim) oder PD Dr. Michael Ott (Konstanz). Im Zentrum stand besonders das Interesse an Kleist Stück Familie Schroffenstein (1803), das der Autor als Kontrafaktur von Romeo and Juliet (1597) konzipierte. Weitere Themenfelder des Vergleichs war die sprachliche Gestaltung der Texte, die Problematisierung von Recht und Macht, Konfigurationen von queerness oder auch die Verwendung von Komik. Dies rückte auch andere Werke beider Autoren in Vordergrund, etwa das Käthchen von Heilbronn, Prinz Friedrich von Homburg, Amphityron, Michael Kohlhaas, Othello, Measure for Measure, Hamlet und The Merchant of Venice. Die Tagung war mit bis zu 75 Gästen reich besucht. Die Veranstaltung wurde organisiert von Prof. Blamberger und seinem Assistenten, Dr. Björn Moll.

Kleists Shakespeare – Jahrestagung 2016 © Foto: Martin Roussel

Weitere Informationen zum Programm finden Sie hier.





Die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft ist eine internationale literarische und wissenschaftliche Vereinigung. Sie sieht ihre Aufgabe darin, das Werk und Leben Kleists durch wissenschaftliche Tagungen und Veröffentlichungen zu erschließen und die in der Gegenwart fortwirkenden Einflüsse seiner Dichtung durch künstlerische, insbesondere literarische Veranstaltungen für eine breitere Öffentlichkeit zu fördern. Die Gesellschaft wurde am 5. Mai 1960 gegründet. Ihr Vereinssitz ist Berlin.