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Rückblick



László Földényi verlieh den Kleist-Preis 2018 an Christoph Ransmayr

Der Kleist-Preis 2018 wurde Christoph Ransmayr am 18. November 2018 in Berlin von dem ungarischen Kunsttheoretiker, Essayist, Literaturkritiker und Übersetzer László Földényi  während einer denkwürdigen Matinée im Deutschen Theater übergeben. Arrangiert wurde die Preis-Verleihung von Ulrich Khuon und Ulrich Beck. Die bewegende Rede von Christoph Ransmayr, oder besser die autobiographische Erzählung zum Thema Kohlhaas-mein-Vater, wird im Dezember in der FAZ veröffentlicht werden, später dann im Kleist-Jahrbuch 2019 vollständig erscheinen, die Laudatio von László Földényi ist hier nachzulesen.

Das Grußwort sprach der Präsident der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft, Prof. Dr. Günter Blamberger (hier nachzulesen). Maren Eggert las aus dem Werk Ransmayrs und Heinrich von Kleists.
Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung von dem Posaunisten Christian Muthspiel.

Die Jury des Kleist-Preises, die László Földényi zur Vertrauensperson gewählt hatte und die gemäß der Tradition des Kleist-Preises den Preisträger in alleiniger Verantwortung bestimmt, bestand diesmal aus Andrea Bartl (Universität Bamberg), Günter Blamberger (Universität zu Köln), Florian Borchmeyer (Dramaturg Schaubühne Berlin), Gabriele Brandstetter (Freie Universität Berlin), Florian Hoellerer (Literarisches Colloquium Berlin), Michael Maar (freier Autor Berlin) und Sigrid Weigel (Zentrum für Literaturforschung Berlin). 

Der Kleist-Preis ist mit 20.000 Euro dotiert. Das Preisgeld geben die Holtzbrinck Publishing Group, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie die Ministerien für Wissenschaft, Forschung und Kultur der Länder Berlin und Brandenburg. Der Kleist-Preis hat eine lange Tradition. In den 10er und 20er des letzten Jahrhunderts wurden u.a. Hans Henny Jahnn, Bertolt Brecht, Robert Musil oder Anna Seghers ausgezeichnet. Nach der Wiederbegründung des Preises 1985 hießen die Preisträger u.a. Alexander Kluge, Thomas Brasch, Heiner Müller, Ernst Jandl, Monika Maron, Herta Müller, Hans Joachim Schädlich, Martin Mosebach, Gert Jonke, Daniel Kehlmann, Wilhelm Genazino, Arnold Stadler, Sibylle Lewitscharoff, Navid Kermani, Marcel Beyer, Monika Rinck, Yoko Tawada oder Ralf Rothmann.

Christoph Ransmayr gewann mit den drei großen Romanen Die Schrecken des Eises und der Finsternis (1984), Die letzte Welt (1988) und Morbus Kitahara (1995) umgehend internationale Anerkennung. Sie entwerfen eine hintergründige Topographie, in der sich historische Orte mit mythischen Landschaften überlagern. Eine Expedition zum Nordpol, die Verbannung Ovids nach Tomi ans Schwarze Meer,  ein Kurort am Traunsee unter Besatzung nach 1945 werden zu Schauplätzen der Rückverwandlung von Kultur in Natur und des Rückfalls des Menschen in die Kreatur. Das Versepos Der fliegende Berg (2006) erzählt virtuos von zwei Brüdern, die den sagenumwobenen fliegenden Berg in Tibet besteigen. In Atlas eines ängstlichen Mannes (2012) zieht Ransmayr die Summe jahrzehntelangen Reisens in die entlegensten Gegenden dieser Erde. Jenseits jeglichen Exotismus reihen sich sprachlich kunstvoll präsentierte Detailbeobachtungen und alltägliche Begebenheiten aneinander und ergeben als Ganzes ein Bild der heutigen Welt, der globalisierten und zugleich enorm zerstreuten Kulturen. Der Roman Cox (2016) handelt von einem britischen Uhrmacher in China und ist erzählte Zeitphilosophie, entführt in ferne Zeiten und deren Muße und in die heutige Zeit. Er ist ein meisterhafter Versuch, zwischen Orient und Okzident zu vermitteln, und sei es auch nur, indem der Autor Grausamkeit und Autokratie hüben wie drüben vergleicht.  Christoph Ransmayrs riskante und stets wechselhafte Versuchsanordnungen des Schreibens, die seit Jahren vom S. Fischer-Verlag publiziert werden, wurden mit großem Recht bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Franz-Kafka-Preis (1995), dem Prix Aristeion (1996), dem Friedrich-Hölderlin-Preis (1998), dem Nestroy-Theaterpreis (2001), dem Böll-Preis (2007), dem Fontane-Preis (2014), dem Marieluise-Fleißer-Preis (2017) sowie dem Würth-Preis für Europäische Literatur (2018).

 

Hier können Sie die Laudatio nachhören

László Földényi: Im Banne des weißen Fleckes

Laudatio anlässlich der Verleihung des Kleist-Preises an Christoph Ransmayr

Ob Heinrich von Kleist zu Lebzeiten je den Kleist-Preis erhalten hätte? Vermutlich nicht. Nein, gewiss nicht. „Was ... den Styl betrifft, so ist dieser zu undeutsch, steif, verschroben, und … gemein”, schrieb etwa Karl August Böttiger, einer der maßgeblichen Kritiker der Zeit, über die Marquise von O..... Die Ansicht, dass Kleist des Deutschen nicht wirklich mächtig und seine Sprache unmöglich sei, war allgemein verbreitet. Der Kleist-Preis für einen Autor, der im Schatten Goethes derart umständlich beschreibt, wie Lisbeth der Atem stockt, als sie erfährt, dass Kohlhaas seine Besitzungen verkaufen will – einer meiner Lieblingssätze aus Kohlhaas: „Sie wandte sich, und hob ihr Jüngstes auf, das hinter ihr auf dem Boden spielte, Blicke, in welchen sich der Tod malte, bei den roten Wangen des Knaben vorbei, der mit ihren Halsbändern spielte, auf den Roßkamm, und ein Papier werfend, das er in der Hand hielt.“

Ein verschrobener Satz, ohne Zweifel. Müsste ich nach zeitgenössischen Parallelen suchen, fielen mir als erstes nicht Schriftsteller, sondern ein Gemälde ein: Caspar David Friedrichs Das Eismeer. Dort sind es die Eisschollen, die sich genauso brüchig übereinander schieben wie hier die Hypotaxen und Parataxen, sie bringen den feststeckenden Schiffsrumpf zum Bersten, zersprengen alles. Selbst die Leinwand vermag sie kaum zusammenzuhalten. Und doch ist das Ganze genau konstruiert, der Entwurf makellos. Und doch ist das Ganze genau konstruiert, der Entwurf makellos. Wie auch Kleists Satz, der einerseits labyrinthisch strukturiert ist, andererseits aber auch zielgerichtet; am Ende kommt die Grammatik doch zu ihrem Recht. Das Gemälde würde ich persönlich Eisfalle nennen. Das Schiff steckt in der Falle, die Bildkonstruktion steckt in der Falle. Bei Kleist wiederum steckt die Sprache in der Falle. Und dennoch hat das Ganze etwas Erhabenes, Betörendes.

Eisfalle. Der Ausdruck stammt natürlich nicht von mir, ich habe ihn Christoph Ransmayr entlehnt, seinem Roman Die Schrecken des Eises und der Finsternis, der Szene, in der die verunglückten Nordpolreisenden zur Einsicht gelangen, dass sich „die Eisfalle ... nicht mehr öffnen” wird. Hier habe ich aber nicht das Eis und den Schnee und auch nicht die Geschichte der Nordpol-Expedition im Blick, sondern die eigentümliche Satzstruktur, die sich so schwer tat, in der deutschsprachigen Literatur akzeptiert zu werden. Zwei Jahrhunderte später sehe ich sie in den Büchern Christoph Ransmayrs wieder zum Leben erwachen. Wenn ich ihn lese, habe ich oft das Gefühl, auch Kleists Stimme zu hören. Wie Kleist schickt auch er seine Sätze behutsam auf den Weg, mit „langsamem, schweifendem Blick”, wie Cyparis, der Liliputaner, seine Kamera in Die letzte Welt, bevor er das Dickicht der Hypotaxen und Parataxen betritt, die den Leser zwingen, ihm immer konzentrierter zu folgen, um sich nicht zu verirren, bis er schließlich unvermittelt doch noch ins Ziel gelangt. Und überrascht feststellt, dass die Sätze in eine neue, bis dahin nie wahrgenommene Welt Einblick gewähren. Ja, eine neue Welt erschaffen. Hier ein beliebig ausgewählter Satz aus seinem Buch Atlas eines ängstlichen Mannes, in dem der Autor eine Gruppe Betender vor den Gittertoren der Anstaltskirche des Psychiatrischen Krankenhauses Am Steinhof in Wien beschreibt:

„Den Blick in das von zwei Ampeln nur schwach erhellte, golden schimmernde Kirchenschiff gerichtet, knieten oder standen die Betenden vor den versperrten Toren und umklammerten die Gitterstäbe, als ob die abendliche Weite in ihrem Rücken, die träge ziehenden Wolken, ja die ganze Stadt, die, aus der Höhe des Kirchenportals betrachtet, in einer blaugrauen Tiefe lag – Regionen einer vergitterten Welt wären und das verschlossene Halbdunkel, in das sie ihre Gebete, Lieder und Litaneien murmelten und sangen, die Freiheit, ein kostbar funkelnder, unendlicher Raum.”

Wie in dem eingangs zitierten Satz aus Kohlhaas geht es auch hier um einen Blick. Dort richtet sich der Blick aus dem Leben auf den Tod, hier aus dem Eingesperrtsein auf die Freiheit. Und wie bei Kleist ist der Satz auch bei Ransmayr an sich schon so wie das, wovon er handelt: ein verschlungenes Labyrinth, das den Leser immer mehr gefangen nimmt, um ihn am Ende unvermittelt doch noch zu beschenken – mit der Freiheit, die man beim Anblick des unendlichen Raumes empfindet. Ein komplexer Satz, keine Frage – ein Deutschlehrer mit Rotstift in der Hand könnte ihn in mindestens zehn eigenständige Sätze zerlegen. Oder wenn nicht, so würde er zumindest die Hypotaxen eliminieren und das Ganze dadurch flüssiger machen. So verfuhren jedenfalls die nachfolgenden Generationen mit Kleists Sprache, wenn sie seine Werke herausgaben und dabei unzählige „Korrekturen“ durchführten. Mal änderten sie die Anzahl der Absätze, mal verwandelten sie die indirekte Rede in Dialoge, modifizierten willkürlich die Interpunktion, splitterten einzelne Sätze in mehrere neue auf. Diese Gefahr droht auch Ransmayr. In seinem Buch Geständnisse eines Touristenzitiert er selbst einen Kritiker, nach dessen Ansicht „mein leider sehr übel geschriebener Roman Morbus Kitahara erst noch ’ins Deutsche zu übersetzen’ wäre.”

Was bedeutete eine solche Übersetzung? Indem man Kleists Sprache geglättet hatte, hatte man versucht, ihn der Sprache des Realismus des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts anzugleichen. Damit er wie Fontane oder der junge Thomas Mann klang. Und welchem Zweck diente eine „Übersetzung“ Ransmayrs? Dass er leicht verständlich, seine Sätze schnell erfassbar, seine Ausdrucksweise schmiegsam werde. Mit anderen Worten, dass er der Entwicklung angepasst werde, die Felix Philipp Ingold als die „McDonaldisierung der Literatur” bezeichnet hat. Damit der zügigen Informationsvermittlung nichts im Wege steht. Im Gegensatz zum gängigen Syntax, den das breite Lesepublikum heutzutage von der Literatur erwartet, vermitteln Ransmayrs Sätze nicht nur Information, sein eigentümlicher Satzbau und Sprachgebrauch haben vielmehr an sich schon Informationscharakter. Deshalb ist jedes seiner Worte von existenzieller Bedeutung. Ich lese seine Prosa auch deshalb so gern, weil sie sehr schnell in eine Region führt, die ich am ehesten mit der Dichtung assoziiere. Er legt nämlich den gleichen Wert auf die innere Struktur der Sätze wie auf das, wovon sie handeln. In der Dichtung ist das eine Selbstverständlichkeit. In der Prosa weniger: Da scheint das Was? in der Regel wichtiger zu sein als das Wie? Wie sagte doch in den 1920er Jahren Friedrich Gundolf – als kundiger Leser – über Kleists Prosa? „Er zuerst legt unter den deutschen Dichtern das Gewicht mit Erfolg mehr auf die Sagung als aufs Gesagte.” Genauso eigenartig und wunderlich wie das Wort Sagung ist auch Ransmayrs Sprache. Das Wie? lässt sich in seiner Prosa nie von dem Was? trennen. Seine Sätze wirken wie Lebewesen. Die Sprache selbst entfaltet und erschafft das, wovon sie dann sprechen wird. Er überträgt nicht einen Gedanken in Worte, die sich dann wiederum zu Sätzen zusammensetzen, sondern erst bei der Niederschrift der Worte entsteht der Gedanke und wächst sich zu einem Satz aus. So erkläre ich mir, dass ich, wenn ich ihn lese, oft sogar zu spüren glaube, wie er beim Schreiben Luft geholt hat. Seine Sätze haben sprichwörtlich einen Körper.

Wie sind Ransmayrs Sätze? Mit Thomas Bernhard gesprochen: „einfach kompliziert“. Grammatikalisch, syntaktisch sind sie fehlerfrei, doch hinter ihrer rationalen Struktur verbirgt sich etwas, was rational nicht zu fassen ist. Dabei geht es aber nicht um etwas Irrationales, sondern um etwas, was ich als unkartographierbar bezeichnen würde. Ich verwende dieses Wort bewusst, handelt es sich bei ihm doch um jemanden, der vermutlich alle belebten und unbelebten Regionen auf der Weltkarte bereits bereist hat. Die Last seines eigenen Lebens wird man ihm aber wohl nirgendwo abgenommen haben. Um ihn selbst zu zitieren: „Vermessen und kartographiert ist so gut wie alles, aber weitgehend unbekannt ist immer noch, was sich in einem selber auftut, wenn man durch eine ungeheure, übermächtige Landschaft geht.” Davon handelt für mich Atlas eines ängstlichen Mannes, den ich für das bedeutendste deutschsprachige Buch der letzten Jahre halte. Die Verlockung dieses „noch nie Gesehenen“ ist es, was Ransmayrs Helden umtreibt; sie sind ständig auf der Suche nach etwas, das sie vielleicht gar nicht finden zu können glauben, von dessen Vorhandensein sie aber felsenfest überzeugt sind. Was es ist, wissen sie selbst nicht. Schließlich suchten die Polarreisenden nicht den Nordpol, sondern das Paradies und fanden es auch, obwohl sie auf halbem Wege umkehren mussten. Die Protagonisten von Morbus Kitahara sind auf der Suche nach Versöhnung. Der Erzähler von Atlas ist ständig unterwegs, doch führt sein Weg wie der Heinrich von Ofterdingens „immer nach Hause”. Die Helden von Der fliegende Berg wiederum sind hinter dem weißen Fleck her, „jenem makellos weißen Fleck / in den wir dann ein Bild unserer Tagträume / einschreiben können.”

Ja, der „weiße Fleck“. Davon wollte ich eigentlich von Anfang an sprechen. Was ist der weiße Fleck? Ein unstillbares, inneres Verlangen, das den Reisenden allen Widerständen zum Trotz immer wieder aufbrechen lässt, auf der Jagd nach etwas, von dem er nicht einmal wirklich Rechenschaft geben könnte. Wenn ich an den Titel von Ransmayrs erstem Buch denke (Die Entdeckung des Wesentlichen), würde ich sagen: der weiße Fleck ist das, was traditionell als Wesen bezeichnet wird. Ransmayr hütet sich natürlich, das Wort „Wesen“ zu verwenden, wie auch die Worte „Metaphysik“ oder „Transzendenz“. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass er sie gar nicht im Sinn hat, sich mit ihnen gar nicht beschäftigt. Der Grund dafür liegt vermutlich darin, dass er nicht übersie, sondern ausihnen heraus schreibt, gleichsam aus ihnen herausblickt.

„Wesen“ – nur vorsichtig, gleichsam in Anführungszeichen spreche ich diese Worte aus, ebenso wie „Metaphysik“. Warum? Weil sie in der heutigen Zivilisation, die entschlossen allem den Krieg erklärt hat, worin sie das wittert, was man traditionell Wesen zu nennen pflegte, anachronistisch klingen. Obwohl es sich dabei um etwas sehr Einfaches handelt; mit Imre Kertész gesprochen, der es meines Erachtens auf den bisher knappsten Nenner gebracht hat: „Das Gebot lautet: du darfst dich mit allen Problemen des Lebens befassen, nur mit dem Leben als Problem an sich darfst du dich nicht befassen.“

Noch nie in der Geschichte der europäischen Kultur hat man so beharrlich versucht, die Metaphysik zu eliminieren. Sie zu eliminieren ist aber nicht möglich – aus dem einfachen Grund, dass der Mensch ohne Metaphysik nicht existieren kann. Sein Leben verdankt er einem Bruch, einem Riss – dem Sturz aus dem Nichtsein ins Sein –, und ein ähnlicher Bruch, ein ähnlicher Riss setzt ihm wieder ein Ende. In diesem Unbekannten, das dem Leben vorausgeht und folgt, liegen die Wurzeln der Empfänglichkeit für die Metaphysik. Schon infolge seines Wissens um die Vergänglichkeit ist der Mensch von Geburt an zum Heimweh nach dem Wesen und der Metaphysik verdammt.

Dieses Heimweh ist es, das mich bei der Lektüre von Ransmayrs Büchern sofort ergriffen hat. Es wirft den Schatten der Melancholie an alle seine Werke. Ja, der Melancholie, die uns mahnt, dass wir, und mögen wir alles noch so lückenlos absichern und die Welt noch so heimelig einrichten, eine Heimat nur inmitten der Heimatlosigkeit finden können. Dass sich hinter dem Optimismus, und mag er auch zur verbindlichen Weltreligion geworden sein, viele Fragen auftürmen, die ebenso beunruhigend sind wie die Welt, in die Ransmayr seine Leser einführt. Die Zeit, die Vergänglichkeit, die skandalöse Kürze des menschlichen Lebens und die genauso skandalös kurze Anwesenheit des Menschen im Universum – das alles hallt in seinen Werken als „weißer Fleck“ wider, das schafft den eigentümlichen Rhythmus seiner Sprache, macht seine Sätze so zerbrechlich und doch so fest. Dieser unkartographierbare weiße Fleck, dieses Objekt des Heimwehs durchdringt mich bei seiner Lektüre bis in die Poren hinein. Es ist gleichsam als Hintergrundstrahlung in seinen Schriften präsent. Oder als Generalbass. Und wenn schon Generalbass, dann eignet sich wiederum Kleist als Referenz, für den „im Generalbaß die wichtigsten Aufschlüsse über die Dichtkunst enthalten” sind. Die Sprache öffnen, damit wir für kurze Momente Einblick in jene Dimensionen gewinnen, die jenseits der Sprache sind und sich dennoch ausschließlich mittels der Sprache vergegenwärtigen lassen: das verdanke ich Ransmayr als sein Leser.

Aus dem Ungarischen von Akos Doma


Hier können Sie die Preisrede nachhören und nachlesen

Christoph Ransmayr: Kohlhaas (Kopie 1)

Rede zur Verleihung des Heinrich von Kleist Preises 

Berlin, am 18. November 2018

 

Michael Kohlhaas, ein an seinem unerbittlichen Glauben an irdische Gerechtigkeit zugrundegegangener Mann, den Heinrich von Kleist hoch über seine Zeit hinausgehoben und unvergeßlich gemacht hat, war mein Vater. 

Gewiß, in den Urkunden meines Vaters, die ihn als unehelichen Sohn einer Schleusenwärterstochter auswiesen, stand ebenso wie in seinem von russischen Stempeln übersäten Reisepaß und stand auch in jenen Anklageschriften, in denen er der Veruntreuung und der Verleumdung beschuldigt wurde - und stand schließlich auf einem Haftbefehl, der ihn in das Gefängnis meiner Geburtsstadt einwies, noch ein anderer Name: Karl Richard Ransmayr. Aber nachdem ich als Schüler des Klostergymnasiums der Benediktiner im oberösterreichischen Lambach, kaum fünfzehn Kilometer von diesem Gefängnis entfernt,  unter der Aufsicht und Anleitung eines melancholischen Deutschlehrers Heinrich von Kleists Novellen gelesen hatte, fand ich für meinen Vater, einen nach Kleists Worten "außerordentlichen Mann, der … für das Muster eines guten Staatsbürgers hätte gelten können“, einen wahren und wie mir schien treffenderen Namen: Kohlhaas. Denn Kleist, war ich überzeugt, hatte nicht nur von einem im Kampf um sein Recht verzweifelnden Roßhändler erzählt, sondern gleichzeitig auch vom Leben meines Vaters und, ja, wie kaum ein anderer Dichter auch von meinem eigenen Leben. So wie die Liebenden aller Zeiten und Epochen im Grund ihrer Herzen miteinander verwandt und vertraut erscheinen, sind wohl auch die Dinge, die sie tun und sagen, einander ähnlich - und ebenso erschienen mir damals auch die Verzweifelten, die Elenden und Enttäuschten quer durch alle Zeiten miteinander verbunden.

Kohlhaas, mein Vater, wurde in einem strohgedeckten, von Wasserstaubwolken umrauchten Haus an einem auf regionalen Karten als Traunfall verzeichneten Katarakt geboren, über den jahrhundertelang mit Steinsalz beladenen Zillen aus den Bergwerken der Kalkalpen über ein labyrinthisches Kanalsystem in den Unterlauf des Flusses abgesenkt und an die Donau weitergeleitet wurden.  Die Schleusenwärter, die Zufluß und Abfluß in diesem System über eine Reihe von Wassertoren zu regeln hatten, führten den Namen eines Fallmeisters und waren Herren über Leben und Tod. Denn wenn es nicht gelang, eine der tonnenschweren Salzzillen über die entlang von moosbewachsenen Felswänden geführte Kanaltreppe sanft in den Unterlauf des Flusses zu lenken,  drohte den Bootsleuten Kenterung und Tod. Das Weißwasser unterhalb des großen Falls schien selbst bei sommerlich tiefen Wasserstandsmarken zu kochen. Der Salztransport auf dem Fluß war allerdings längst eingestellt und der letzte Fallmeister seit Jahren in einem von Rheuma und Gicht zerquälten Ruhestand, als seine einzige Tochter zu seiner Schande zwei uneheliche, von zwei verschiedenen, niemals preisgegebenen Vätern, vermutlich Arbeitern in einer nahen Papierfabrik, stammende Kinder zur Welt brachte. Das ältere der beiden war Kohlhaas, mein  Vater.

Unehelicher Sohn einer als Küchengehilfin in einem Lungensanatorium, später in einem Hotel namens Schiff am Ufer des Traunsees arbeitenden Fallmeisterstochter zu sein war ein nicht zu tilgender Makel. Tag für Tag, im Winter oft durch knietiefen Schnee, stieg mein Vater aus der Klamm, in der das Fallmeisterhaus im Tosen des Wassers hockte, einem Streifen Himmel über ihm entgegen und dann durch den Auwald zu jenem kilometerweit entfernten Dorf, in dem ich viele Jahre später meine eigene Kindheit verbringen sollte. Auch wenn es in diesem wie in allen Dörfern des Alpenvorlandes (und noch in meinen eigenen Schuljahren) ein böses Zeichen war, nur den Namen einer Mutter zu tragen, konnte mein Vater dieses Schandmal zwar nicht tilgen, aber, zumindest manchmal, vergessen machen. Er war ein begabtes Kind. Gefördert vom Dorfpfarrer, später von nationalsozialistischen Parteigängern im Gemeinderat, die ihn an ein Gymnasium am Traunsee empfahlen, lernte er luftige Aquarelle zu malen, Noten zu lesen, lernte Englisch, Latein, Griechisch und durch einen von Gogol, Turgenjew und Dostojewskij begeisterten Literaturlehrer in einem Freifach auch Russisch. Mit zunehmendem Wissen wuchs aber auch der Druck, nach vielen Seiten hin dankbar zu sein. Einem, dem trotz seiner beschämenden Herkunft so viel Gutes erwiesen worden war, mußten Hilfsbereitschaft, Demut, Gehorsam und Dankbarkeit zur obersten Pflicht werden. Kohlhaas ministrierte in Frühmessen, zu denen er sich um fünf Uhr morgens aufmachen mußte, weil der Weg lang war, entmistete Schaf- und Kuhställe, sammelte Roßkastanien für die Wildfütterung, schleppte Holz und Steine.

Aber als ihm die Ehre zuteil werden sollte, in eine Eliteschule der Nationalsozialisten aufgenommen zu werden, lehnte er so höflich es ihm möglich war ab. Und als er nach der mit Auszeichnung bestandenen Reifeprüfung aus seiner Ausbildung zum Lehrer ab- und zur Deutschen Wehrmacht einberufen wurde und dort eine Offizierslaufbahn einschlagen sollte, lehnte er wiederum ab. Auf meine Fragen nach seiner Vergangenheit und danach, wie ein von so viel Gutwilligkeit geförderter ehemaliger Armenschüler auf die glänzendsten Möglichkeiten seiner Zeit verzichten konnte, antwortete er: Ich wollte unter diesen Leuten nichts werden. 

Nein, mein Vater war kein Mann todesmutigen Widerstandes. Aber daß er unter diesen Leuten nichts werden wollte, machte ihn zu einem der gerechtesten Menschen meines Lebens. Er wurde - nein, sagte er, nicht zur Strafe, warum, das könne doch niemand mehr sagen - auf ein Minenräumboot der Deutschen Kriegsmarine ins Schwarze Meer befohlen, wurde gefangengenommen, in ein Lager nahe dem zerstörten Sewastopol auf der Halbinsel Krym verbracht und mußte dort allen Neuankömmlingen aus deutschen Kriegsgefangenenzügen die Rede eines Lagerkommandanten aus Murmansk wieder und wieder übersetzen: Keiner von euch Hunden, schrie der Kommandant, keiner von euch Hunden wird seine Kinder, seine Frau, seine Heimat wiedersehen, bis nicht jeder Stein Sewastopols wieder an seinem alten Platz ruht und jedes erloschene Licht in den Fenstern der Stadt wieder leuchtet. Ihr Mörder, schrie der Kommandant, ihr Mörder erleidet hier nicht die Rache, die ihr verdient, sondern Gerechtigkeit.

Er habe den Kommandanten verstanden, sagte Kohlhaas. Sewastopol, das blühende Sewastopol, war im Kanonenfeuer deutscher Schlachtschiffe untergegangen. Zweimal, erinnerte sich mein Vater, wurde er von kriegsgefangenen Kameraden nach seiner Übersetzung solcher Begrüßungsreden verprügelt, einmal so schwer, daß er neun Tage in der Krankenbaracke des Lagers verbrachte und Blut erbrach. Wegen seiner Brauchbarkeit als Übersetzer kam er erst als Spätheimkehrer aus dem Krieg zurück. 

Nachdem er seine pädagogische Ausbildung wieder aufgenommen hatte, Dorfschullehrer geworden war und meine Mutter geheiratet hatte, eine weichherzige Säuglingsschwester, die lange und am Ende vergeblich auf die Rückkehr eines im Krieg verschollenen Bräutigams gewartet hatte, reiste er, wann immer seine Ersparnisse es erlaubten, auf die Halbinsel Krym und nach Sewastopol und fand dort wohl auch eine Geliebte, die ihm zu Weihnachten großformatige, farbenprächtige Bildbände russischer Marinemaler schickte. Meine Mutter litt unter diesen Büchern, litt unter diesen Reisen, aber sie liebte diesen Mann. Denn welchen Sehnsüchten er auch immer folgte - er blieb nach allen Seiten dankbar und versuchte dabei auch seine Frau und seine Familie zu ehren, so gut er konnte, schrieb selbst aus seinen Sewastopoler Ferien dicke Packen, mit Zeichnungen verzierte Liebesbriefe an sein Marthele, meine Mutter, zog im Winter seine vier Kinder auf Schlitten durch den Schnee, half ihnen beim Bau von Festungen aus Flußkieseln, Lehm und Moos oder schwamm mit ihnen durch die weißen Wirbel unterhalb des großen Wasserfalls. Ich durfte mich dann an seinen Schultern festhalten und er wurde, nach seinen Worten, zum Walfisch, der mich auf seinem Rücken über alle Wirbel und Flußtiefen dahintrug.

Im Dorf war er geachtet. Er wurde Oberlehrer, sang Baßsolos in verschiedenen Chören und Balladen an Bunte Abenden, die er gestaltete, und übernahm schließlich, nachdem das Gehalt eines Lehrers für die große Familie nicht mehr reichte, eine im örtlichen Kaiser-Franz-Joseph-Jubliäums-Lehrerheim untergebrachte, eher einer  Kleinwohnung als einer Bank gleichende Zweigstelle der Raiffeisenkasse, deren Wappenspruch  einmal Einer für alle, alle für einen gewesen war. "Nicht einer", schrieb Heinrich von Kleist über meinen Vater.. "nicht einer war unter seinen Nachbarn, der sich nicht seiner Wohltätigkeit oder seiner Gerechtigkeit erfreut hätte…"

Ich erinnere mich an Abende und an die Stunden zwischen Sonntagsgottesdienst und Mittagessen, in denen Bittsteller an unserem Küchentisch saßen, etwa der verzweifelte Fleischhauer, der um die Existenz seines Ladens kämpfte, denen mein Vater gegen Handschlag Banknoten auf den Tisch zählte, Kredite, für die es, wie sich zeigen sollte, weder Bürgschaften noch Sicherheiten gab. Der Fleischhauer, ein Mann, bei dessen Anblick mich ein angstvolles Herzklopfen befiel, wenn er mir  in seiner blutigen Schürze auf der Dorfstraße entgegenkam, war der erste Erwachsene, den ich an unserem Küchentisch weinen sah. Aber mein Vater verteilte nicht nur Geld, ohne Aufsichtsräte zu befragen, sondern verfaßte als stilkundiger Lehrer auch für Bauern, Handwerker, Gastwirte, Faßbinder und Schichtarbeiter Eingaben an die Baubehörde, Gesuche an die Gewerkschaft, an Kirchenbeitragsstellen, an das Bezirksgericht. Seine Nützlichkeit wurde schließlich so überzeugend, daß ihn die Ortsbauernschaft drängte, doch als Kandidat der Christlich Konservativen für den Gemeinderat zu kandidieren. 

Gegen die leidenschaftlichen Bitten und Beschwörungen meiner Mutter blieb mein Vater dankbar wie je, dankbar für die Achtung, die man ihm entgegenbrachte, für den Respekt, das Vertrauen, die Zuneigung, darunter gewiß immer wieder auch die Zuneigung von Hausfrauen, denen er leidenschaftliche Briefe schrieb und sich in den Flußauen an geheimen Nachmittagen mit ihnen traf. Er ging aus den Wahlen als stellvertretender Bürgermeister hervor. Und dieser Triumph war wohl eine der Bedingungen seines Unglücks. Denn der regierende, nun von einem Emporkömmling zur Rechenschaft gezogene Bürgermeister, Geistesverwandter einer von SS-Offizieren gegründeten politischen Bewegung, die im Österreich der Gegenwart, aber das nur nebenbei, als Freiheitliche Partei die Regierungsbank, das Innenministerium, Außenministerium, Verteidigungsministerium, Verkehrsministerium etc. besetzt hält und einem mythischen Kleinen Mann Gerechtigkeit widerfahren zu lassen verspricht.., wußte mit Konkurrenz nichts anzufangen. Die üblichen, politische Parteien seit je mehr als jedes Programm beschäftigenden Kämpfe begannen und wurden mit den üblichen, der politischen Arbeit stets nachgeordneten Mitteln geführt - üble Nachrede, Beschimpfungen, Verleumdungen. Auf diesem Schlachtfeld mußte der regierende Bürgermeister nicht lange nach der Achillesferse des Emporkömmlings suchen. War es denn nicht allgemein bekannt, daß mein Vater Kredite am Küchentisch vergab? Daß im Dorf so gut wie alle Geschäfte per Handschlag gemacht wurden, sollte schließlich nur dort geduldet werden, wo keiner der Geschäftspartner irgendwo irgendwem im Weg stand. 

Einer Anzeige des Bürgermeisters folgte jener Morgen, an dem zwei Polizeiautos mit blinkendem Blaulicht im Hof vor der Schule hielten und mein Vater von fünf Gendarmen wegen des Verdachts der Untreue verhaftet und ins Gefängnis verbracht wurde. Die  Lokal- und Regionalzeitungen widmeten dieser Ungeheuerlichkeit mehrere Titelseiten in Folge. An einem der wöchentlichen Besuchstage, an denen Gefangene und Besucher einander unter uniformierter Aufsicht an von feuchten Händen und Tränen gefleckten Tischen gegenübersaßen, sah ich zum ersten Mal, wie meine Eltern sich innig küßten. Erst später, viel später erfuhr ich, daß die beiden dabei Kassiber austauschten, von denen ich zwei nach dem Tod meiner Mutter im Nachlaß finden sollte. Es waren Liebesbriefe, die keinerlei Anweisungen für das praktische Leben oder verbotene Absprachen enthielten.

Mein Vater verlor seine Stelle als Oberlehrer, verlor alle seine Funktionen in den Vereinen des Ortes und natürlich auch seinen Rang als stellvertretender Bürgermeister. Der einer langen Untersuchungshaft folgende Prozeß ergab zwar, daß der Schuldige bloß seine Befugnisse durch die Umgehung des - ohnedies uninteressierten, aus Landwirten und Handwerkern bestehenden Aufsichtsrates - überschritten hatte, ergab auch, daß alles verliehene Geld mit entsprechendem Gewinn für die Bank zurückbezahlt worden war und mein Vater sich dabei weder persönlich bereichert noch andere Vorteile bezogen hatte, aber nach dem Gesetz war der Tatbestand  der Untreue erfüllt. Die Freiheitsstrafe war entsprechend mild und entsprach - möglicherweise als Vorbeugung gegen Entschädigungszahlungen - der Dauer der Untersuchungshaft. 

Aber Kohlhaas, mein Vater, wollte zum ersten Mal in seinem Leben keine Nachsicht, auch keine Milde, sondern Gerechtigkeit. "Die Welt würde sein Andenken haben segnen müssen", schrieb Heinrich von Kleist über meinen Vater, "wenn er in einer Tugend nicht ausgeschweift hätte. Dem Rechtsgefühl…" 

Mein Vater weigerte sich, das Urteil anzunehmen. Hatte er sich denn nicht stets für seine Mitbürger eingesetzt, ohne dafür auch nur die geringste Gegenleistung zu fordern? Hatte er sich als Lehrer denn nicht an seinen freien Nachmittagen und auch in langwierigen Fällen ohne Entgelt um die Nachilfe von Kindern angenommen, die auf den Höfen ihrer Eltern zur Stall und Feldarbeit gebraucht wurden und denen, wenn sie am Morgen zur Schule kamen, noch das Heu oder Stroh ihrer schweren Arbeit aus den Kleidern stach?  Und hatte man ihm nicht fünf, nein: sechs! Medaillen verliehen, nachdem er in Badesommern am Fluß von plötzlich rotierenden Wirbeln erfaßte Schwimmer bei Gefahr für sein eigenes Leben vor dem Ertrinken gerettet hatte? 

Kohlhaas legte also Berufung ein. Dieser Einspruch beließ sein Verfahren aber in der Schwebe, was bedeutete, daß er bis auf weiteres nicht wieder in den Schuldienst, bis auf weiteres auch nicht wieder in sein altes Leben aufgenommen werden konnte. Berufung. Mein Vater war überzeugt, daß diese Entscheidung  nur zu einem Resultat führen konnte, einem Freispruch. Nichts anderes würde er, nichts anderes konnte er annehmen.

Die Witwe eines Kohlenhändlers, die ihm vor dem Krieg als Frau versprochen war, die bei seiner späten Heimkehr aber längst verheiratet und nun erst wieder alleinstehend war, beschaffte ihm ein erstes Darlehen für die Kosten des Verfahrens. Kohlhaas nahm dazu Arbeit am Fließband in einer Großtischlerei, dann aber in einer der Papierfabriken am Fluß an - weil ihm nur dort fortwährende Nachtschicht erlaubt wurde. Er schlief tagsüber und fuhr mit einem Moped täglich, auch bei Regen und Schneefall, zur Nachtschicht um 22:00 Uhr, in die Finsternis. Er wollte im Dorf nicht gesehen werden und wollte auch niemanden sehen, bis sein Freispruch bestätigt sein würde. Ich erinnere mich an einen Alteisenhändler, der, auch dies nur nebenbei, mit einem Dichter namens Thomas Bernhard aus dem Nachbardorf gelegentlich Geschäfte machte, wenn der Dichter nach stilgerechten Ausstattungen für einen seiner Höfe suchte. Der Alteisenhändler, ein Parteifreund des regierenden Bürgermeisters und wegen einer Reihe fehlender Zähne an seiner Aussprache selbst am Telefon zweifelsfrei erkennbar, rief monatelang und manchmal tiefnachts, wenn Kohlhaas am Fließband stand, in unserer Wohnung an und brüllte den Kindern des Angeklagten oder seiner Frau ins Ohr, ihr Mann, unser Vater, der verurteilte Dreckslehrer, sei ein Hurensohn und Verbrecher, den man nicht einsperren, sondern aufhängen sollte. 

Heinrich von Kleist schrieb über diese Tage: "Es fehlte Kohlhaas … keineswegs an Freunden, die seine Sache lebhaft zu unterstützen versprachen … Gleichwohl vergingen Monate, und das Jahr war daran, abzuschließen, bevor er … auch nur eine Erklärung über die Klage, die er … anhängig gemacht hatte, geschweige denn eine Resolution selbst, erhielt."

Zu Kohlhaas' engsten Freunden, die sich als Feinde des regierenden Bürgermeisters verstanden, gehörten ein Bäcker, ein Fuhrwerksunternehmer und ein Gastwirt, Ehrenmänner des Dorfers, die ihm dringend empfahlen, doch nun seinerseits zweifelhafte Geschäfte des Bürgermeisters zur Anzeige zu bringen, sie würden das Material dazu liefern. War denn nicht mitten im Auwald, einer Flußlandschaft, in der neben anderen Orchideengewächsen selbst der seltene Frauenschuh gedieh, den die Himmelskönigin Maria auf ihrem Weg ins Paradies getragen haben sollte, nun gegen alle Naturschutzbestimmungen ein Tümpel voll Ölschlamm, giftiger Schlacke zum Vorteil einer Ölbohrgesellschaft entstanden? Und waren denn nicht Bauaufträge ohne Ausschreibung vergeben und Geistesverwandte mit Schotterlieferungen aus gemeindeeigenen Gruben  bedacht worden? 

Wie in den Jahren seines verlorenen Glücks war Kohlhaas auch diesmal bereit, Wohlmeinenden dienstbar zu sein, ging es doch nun auch um sein eigenes Schicksal. Er schrieb also einen Brief an die Behörde, listete darin die von den Freunden vorgeschlagenen zweifelhaften Unternehmungen des Bürgermeisters auf und blieb auf den Rat der Wohlmeinenden hin als Verfasser anonym. Wer würde denn, war ihm geraten worden, einem Angeklagten, der die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Verbrechen eines anderen lenken wollte, Glauben schenken? Auch wenn der Bäcker, der Gastwirt und der Fuhrwerksunternehmer nicht leugnen wollten, daß der Untergang des Bürgermeisters auch ihnen Vorteile verschaffen würde, konnte es Kohlhaas doch nur nützen, wenn sein Ankläger nun seinerseits im Zwielicht erschien.

Die Behörde wollte die erhobenen Beschuldigungen zwar nicht bestätigen, konnte aber das Schreiben durch den aufliegenden Schriftverkehr zur Berufungsverhandlung diesem Kohlhaas zuordnen, der daraufhin der Verleumdung bezichtigt wurde. Die einflüsternden Ehrenmänner, Bäcker, Fuhrwerker und Wirt, gaben im Ermittlungsverfahren zu Protokoll, sie hätten über das betreffende Schreiben zwar irgendwann gesprochen, das ja, es aber um Himmelswillen nicht  verfaßt und um Himmelswillen nicht abgeschickt und also um Himmelswillen damit nichts zu tun. 

Ich las in diesen Tagen Heinrich von Kleists Novelle vom Roßhändler zum dritten Mal und träumte von einem triumphalen Ende aller Prozesse, träumte davon, daß mein Vater sich in einem Siegeszug im Dorf zeigen würde: "… ein großes Cherubsschwert, auf einem rotledernen Kissen, mit Quasten von Gold verziert, ward ihm vorangetragen, und zwölf Knechte, mit brennenden Fackeln folgten ihm …"

Tatsächlich aber wurde Kohlhaas, noch bevor sein Berufungsverfahren in anderer Sache entschieden war, wegen Verleumdung, wenn auch noch einmal unter Berücksichtigung mildernder Umstände, zu einer weiteren bedingten Gefängnisstrafe verurteilt. Der Abstand zu seinem früheren bürgerlichen Leben schien damit ein unüberbrückbarer Abgrund geworden zu sein.

Als nach fünf Jahren Nachtarbeit am Fließband der Papierfabrik und schon jenseits aller Hoffnungen ein Berufungsgericht entschied, daß mein Vater als Kassier zwar seine Befugnisse überschritten habe, er aber tatsächlich weder ein Betrüger noch ein Dieb sei und ihm deswegen alle Rechtsfolgen seiner Verurteilung erlassen wurden - er konnte also in allen Ehren wieder in den Schuldienst aufgenommen werden und durfte auch seine verlorenen Ehrenämter wieder bekleiden -, starb meine Mutter. Sie hatte in den Jahren der Unsichtbarkeit ihres Mannes die Lasten wie die Repräsentation der Familie in allen Belangen allein getragen, hatte anonyme Briefe geöffnet und meinem Vater verschwiegen, hatte die Verfluchungen des Alteisenhändlers und andere Demütigungen schweigend ertragen. So wie sie Kohlhaas einst beschworen hatte, er solle sich keiner Wahl stellen und keine Anschuldigungen gegen Stärkere erheben, so hatte sie ihren Mann, wenn er von seinen Nachtschichten zurückkehrte, auch beschworen, den Selbstmord, von dem er immer wieder sprach, wenigstens um seiner Kinder und seiner Frau willen nicht zu begehen. Aber das schmerzhafte Gewicht dieses Lebens war ihr am Ende zu schwer geworden. Über ihre letzten Stunden schrieb Heinrich von Kleist, daß sie dem Priester, der in ihr Sterbezimmer getreten war, die Bibel aus der Hand nahm, darin „blätterte und blätterte, und … etwas zu suchen schien; und zeigte dem Kohlhaas, der an ihrem Bette saß, mit dem Zeigefinger, den Vers: "Vergib deinen Feinden; tue wohl auch denen, die dich hassen.“

Nach ihrer Bestattung auf dem Dorffriedhof lehnte mein Vater die Wiederaufnahme in die dörfliche Gemeinschaft ab und begann alle Vorbereitungen zu treffen, das Dorf, in dem er sein Leben verbracht hatte und in dem ihm nun sogar die Stelle eines Schuldirektors angeboten wurde, zu verlassen, „weil ich“, ließ Heinrich von Kleist ihn sagen „weil ich in einem Lande … in welchem man mich, in meinen Rechten, nicht schützen wollte, nicht bleiben mag.“ 

Kohlhaas löste die Wohnung im Kaiser-Franz-Joseph-Jubiläums-Lehrerheim auf - ich erinnere mich an einen mit Sommerkleidern meiner Mutter vollgestopften Mülleimer, von dessen Rand mit Blumen gemusterte Ärmel winkten, als ich ihm bei der Räumung zu Hilfe kommen wollte - und übersiedelte in den Geburtsort meiner Mutter, der am Unterlauf jenes Flusses lag, in dem die Salzzillen einst nach der Überwindung des Großen Falls wieder ruhig dahingeglitten waren. Dort lebte er bis zu seinem Ruhestand als einfacher Lehrer und Gemeindebibliothekar in einer dunklen, winzigen Wohnung, von deren Fenstern er an allen Tagen des Jahres Singvögel fütterte, von denen er jeden einzelnen an seinem Gesang erkannte. Wenn es etwas Ehrenvolles von seinen Kindern zu berichten gab, etwa von den Karrieren seiner Tochter, die in der Kanzlei des Anwaltes von Thomas Bernhard die Tagsatzungen abwickelte, oder von seinen Söhnen, die Lehrer, Schauspieler und Schriftsteller geworden waren, kopierte er die entsprechenden Nachrichten, auch Zeitungsausschnitte, auf dem Postamt des Dorfes und versandte sie an alle Wohlmeinenden, um ihr Vertrauen in ihn und seine Familie zu rechtfertigen. Dreimal jede Woche fuhr er mit dem Postbus zum Grab meiner Mutter, entzündete dort Kerzen und erneuerte einen dadurch niemals verblühenden Blumenstrauß in einer Steckvase aus braunem Plastik.. 

Auch an seinem eigenen Todestag, viele Jahre nach dem Drama seines Untergangs, wartete er an einer Bushaltestelle, von der aus das Benediktinerkloster, in dem ich zur Schule gegangen war, wie eine alles Land überragende Festung zu sehen war. Wir waren an diesem Tag am Grab meiner Mutter verabredet und wollten dann in einen Gastgarten, der weit draußen zwischen Weizenfeldern lag. Seine letzte Freundin, eine pensionierte Gemischtwarenverkäuferin, wollte ihn, wie schon so oft, auch diesmal begleiten und saß neben ihm auf der Wartebank der Bushaltestelle und hielt seine Hand, als er plötzlich ohne ein Zeichen des Schmerzes oder des Erschreckens und ohne ein Wort vornüber sank. Sie konnte ihn nur mit Mühe halten und verhindern, daß er auf das Straßenpflaster fiel. Während Bus um Bus ankam und wieder abfuhr und sich eine Menge von Neugierigen staute und wieder verlief, erklärte ein unter Blaulichtblitzen eingetroffener Notarzt meinen Vater für tot. Er wurde vom örtlichen Bestatter in die Leichenkammer des Benediktinerklosters gebracht. Hinter meterdicken Mauern schienen sich dort noch Frühlingstemperaturen erhalten zu haben. Dabei war draußen Sommer. Ein brütend heißer Tag im Juli.

Als ich diese dämmrige Kammer kaum eine Stunde nach der Todesnachricht betrat, sah ich Kohlhaas in sommerlicher Kleidung, wie bereit zu einem Nachmittag am Fluß, auf einem Katafalk liegen. Der plötzliche Herztod hatte sein Gesicht, seine Arme blauviolett verfärbt. Das wird verschwinden, sagte der Bestatter, dieses Blau wird verschwinden. Am Abend wird ihr Vater wieder sein, wie er war. 

Ich stand lange an der Bahre und habe vergessen, ob es Sekunden oder Minuten dauerte, bis ich begriff, daß ich den Körper wieder und wieder nach einem Lebenszeichen absuchte, einem Atemzug, einem Pulsschlag, einer sanften, kaum merkbaren Dehnung des Brustkorbs… Aber vor mir lag nur der Leichnam eines freien Mannes.

 


Hanns Zischler verlieh Kleist-Preis 2017 an Ralf Rothmann

Am 19. November 2017 wurde der Kleist-Preis 2017 feierlich vergeben. Preisträger war der Schriftsteller Ralf Rothmann, auf Vorschlag der Vertrauensperson Hanns ZischlerRalf Rothmann ist 1953 in Schleswig geboren, aufgewachsen in Oberhausen und seit 1976 in Berlin lebend. Rothmann absolvierte eine Maurerlehre, arbeitete als Fahrer, Koch, Drucker, Krankenpfleger und veröffentlicht seit den 80er Jahren Gedichtbände, Erzählungen und Romane im Suhrkamp-Verlag, die vielfach mit Preisen ausgezeichnet wurden – u.a. dem Wilhelm-Raabe-Preis, dem Heinrich-Böll-Preis, dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung oder dem Friedrich-Hölderlin-Preis. Rothmanns Literatur ist geprägt von autobiographischen Erfahrungen im Ruhrpott und in Berlin, sie kommt aus der Arbeiterschaft, aus dem Kiez, sie ist meisterhaft in ihren lakonischen Alltagsschilderungen und folgt einer Ästhetik des Humanen aus genuin christlicher Verantwortung. Exemplarisch bezeugen das Romane wie Milch und Kohle (2000), Junges Licht  (2004), Feuer brennt nicht (2009) sowie zuletzt Im Frühling sterben (2015), dessen eindringliche Kriegsschilderung die Rezensentin der NZZ, Beatrice von Matt, an Bilder Goyas und an Kleists Poetologie der Unausweichlichkeit erinnerte.

Das Grußwort sprach der Präsident der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft, Prof. Dr. Günter Blamberger. Ulrich Matthes las aus dem Werk Rothmanns und Heinrich von Kleists.
Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung von Markus Krusche. Die Verleihung fand im Deutschen Theater Berlin statt.

Der Kleist-Preis ist mit 20.000 Euro dotiert. Das Preisgeld geben die Holtzbrinck Publishing Group, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie die Ministerien für Wissenschaft, Forschung und Kultur der Länder Berlin und Brandenburg. Der Kleist-Preis hat eine lange Tradition. In den 10er und 20er des letzten Jahrhunderts wurden u.a. Hans Henny Jahnn, Bertolt Brecht, Robert Musil oder Anna Seghers ausgezeichnet. Nach der Wiederbegründung des Preises 1985 hießen die Preisträger u.a. Alexander Kluge, Thomas Brasch, Heiner Müller, Ernst Jandl, Monika Maron, Herta Müller, Hans Joachim Schädlich, Martin Mosebach, Gert Jonke, Daniel Kehlmann, Wilhelm Genazino, Arnold Stadler, Sibylle Lewitscharoff, Navid Kermani, Marcel Beyer, Monika Rinck und zuletzt Yoko Tawada.

Bilder von der Verleihung des Kleist-Preises 2017 an Ralf Rothmann

Ulrike Ottinger verlieh den Kleist-Preis 2016 an Yoko Tawada

Der Kleist-Preis des Jahres 2016 wurde am 20. November an die Schriftstellerin Yoko Tawada während einer Matinée im Berliner Ensemble übergeben. Die Laudatio hielt die Filmkünstlerin, Malerin, Fotografin und Autorin Ulrike Ottinger.

Seit den 80er Jahren schreibt die in Japan geborene Yoko Tawada in deutscher Sprache (daneben existiert ein eigenes Werk in japanischer Sprache). In Gedichten, Romanen, Prosa, Theaterstücken und Essays hat Tawada eine ganz originäre Schreibweise entwickelt, in der Motive wie Fremdheit und Übersetzung in subtilen Sprachspielen entfaltet werden (Wo Europa anfängt, 1991; Überseezungen, 2002). Die Sprache ihrer Lyrik und Prosa ist von großer Schönheit und erotischer Spannung (Das nackte Auge, 2004; Aber die Mandarinen müssen heute abend noch geraubt werden, 1997; Opium für Ovid. Ein Kopfkissenbuch für 22 Frauen, 2000). Ihre Theaterstücke sind zumeist mehrsprachige, interkulturelle Projekte, in denen die Wechselbeziehung zwischen Europa und Orient/Asien neu vermessen bzw. buchstäblich entstellt wird (z.B. Orpheus oder Izanagi - Till, 1998). Tawadas Werk ist bereits mehrfach ausgezeichnet worden, u.a. durch den Adelbert-von-Chamisso-Preis, die Goethe-Medaille, den Murasaki-Shikibu-Literaturpreis.

Bilder von der Preisverleihung

Günter Blamberger: Verwandlungsspuk und Verwandlungszauber

Rede zur Verleihung des Kleist-Preises an Yoko Tawada im Berliner Ensemble, 20.11.2016

Sehr geehrter Herr Gesandter Fujiyama, sehr geehrter Herr von Holtzbrinck, sehr verehrte Frau Gehrke, liebe Mitglieder und Freunde der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft, lieber Herr Peymann, lieber Herr Beil, liebe Frau Ottinger, liebe und heute zu ehrende Yoko Tawada,

laut Programmzettel wird aus der Matinée heute eine Geisterstunde. Nach Kleists Bettelweib erwartet uns die Fuchsgeist-Szene aus Ulrike Ottingers Film Unter Schnee und am Ende Yoko Tawadas Erzählung Der Hausgeist. Nichts als Gespenster also, so scheint es. In Kleists Erzählung verweist der Marquese das Bettelweib aus dem Winkel, in dem er seine Jagdbüchse gewöhnlich abstellt, zum Ofen — eigentlich kein übler Platz in einem kalten Schloss. Doch das Bettelweib rutscht aus, stirbt und beginnt zu spuken. Vermeintlich ist der Tod des Marquese am Ende nichts anderes als der Sünde Sold. Neigt Kleist zur Übertreibung, oder ist das Ganze gegen den Strich zu lesen? So lakonisch-nüchtern wird die Gespenstergeschichte erzählt, dass es einen erst zu gruseln beginnt, wenn man von eilfertigen Schuldzuweisungen für diesen tödlichen Sturz absieht, sich dem Schweigen des Textes aussetzt und es erträgt. Das heißt vor allem: aushalten, dass das Sterben so banal und absurd sein kann wie ein Leben, absurd im wörtlichen, ursprünglich musikalischen Sinne, also disharmonisch zur menschlichen Vernunft. „Es kann kein böser Geist sein, der an der Spitze der Welt steht; es ist ein bloß unbegriffener!“ schreibt Kleist 1806 an seinen Freund Rühle.Das provoziert bis heute, auch Kleist-Preisträgerinnen. Vielleicht erinnern sich manche an Sibylle Lewitscharoffs Dankesrede von 2011, ihre Klage, dass Kleists Literatur trostlos sei. Ein Missverständnis meines Erachtens. Kleists Literatur macht vielmehr das Schweigen der Welt hörbar. Positiv ist das zu verstehen, wie Kant in seiner Kritik der Urteilskraft den Vorteil von ästhetischen Ideen vor Vernunftbegriffen verstanden hat. Werke der Dichtung und der Künste nur könnten es wagen, dem Unbestimmten eine Form zu geben, die Grenzen des empirisch und begrifflich Fassbaren zu übersteigen, in Bereiche jenseits der Sagbarkeit für Wissenschaft und Philosophie vorzudringen. Dazu gehöre das Jenseits des Todes, die Verwandlung von Etwas in Nichts, aber auch die Verwandlung von Nichts in Etwas, das Geheimnis vom Ursprung des Schöpferischen und von der Verwandelbarkeit aller Gestalten und Gestaltgebungen.

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Kleist-Preis 2015 an Monika Rinck verliehen

In einer glanzvollen Matinee hat die Berliner Dichterin und Essayistin Monika Rinck am Sonntag, 22. November den diesjährigen Kleist-Preis verliehen bekommen. Die Inszenierung des Berliner Ensembles hielt neben einer ebenso brillanten wie intensiv würdigenden Rede des Laudators Heinrich Detering und einemGrußwort des Präsidenten der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft, Günter Blamberger, auch Überraschungen parat: So unter anderem einen Kanongesang nach Kleist, in den am Ende auch das Publikum einstimmen durfte. Die Preisträgerin wiederum demonstrierte in einer eingehenden Lektüre, warum wir auch heute mit Kleist und seinen Werken noch nicht an ein Ende gekommen sind.

Die Rede Monika Rincks zur Entgegennahme des Kleist-Preises finden Sie hier.




Hortensia Voelckers verlieh den Kleist-Preis 2014 an Marcel Beyer

Der Kleist-Preis des Jahres 2014 ging an den Dresdner Schriftsteller Marcel Beyer. Bekannt geworden ist er durch Romane wie "Flughunde", "Spione" oder "Kaltenburg", Gedichtbände wie "Falsches Futter"  oder "Erdkunde", Essays wie "Nonfiction" oder Erzählungen wie "Putins Briefkasten", die dunkle erflechtungen von Wissenschaft, Kunst und Politik in der deutschen und europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts in häufig experimentellen Darstellungsformen aufspüren. Marcel Beyer erhielt dafür bereits zahlreiche Preise, u.a. den Berliner Literaturpreis (1996), den Heinrich-Böll-Preis (2001), den Friedrich-Hölderlin-Preis (2003) oderden Joseph-Breitbach-Preis (2008). 
Der Kleist-Preis wurde Marcel Beyer am 23. November 2014 in Berlin während einer Matinée im Berliner Ensemble übergeben.


Nike Wagner verlieh Kleist-Preis 2013 an Katja Lange-Müller

Am 17. November wurde während einer Matinée im Spiegelsaal des Berliner Ensembles der Kleist-Preis an Katja Lange-Müller übergeben. mehr
Die Rede des Präsidenten der Kleist-Gesellschaft, Prof. Günter Blamberger, finden Sie hier.
Katja Lange-Müllers Dankesrede mit dem Titel "Kleist, der Krieg und die Welt" können Sie hier nachlesen.


Kleist-Preis 2013 geht an Katja Lange-Müller

Der Kleist-Preis des Jahres 2013 geht an die Berliner Schriftstellerin Katja Lange-Müller, eine der sprachmächtigsten Autorinnen der deutschen Gegenwartsliteratur, deren Erzählungen und Romane oft Gegengeschichten zur offiziellen Geschichtsschreibung sind. Von den Außenseitern der Gesellschaft handeln sie, von den Dramen des Alltags im Osten wie im Westen Berlins. Der Humor ist für Katja Lange-Müller dabei die Kehrseite der Melancholie. Davon zeugen Werke wie ‚Die Letzten. Aufzeichnungen aus Udo Posbichs Druckerei’ (2000), ‚Die Enten, die Frauen und die Wahrheit’ (2003) oder ‚Böse Schafe’ (2007) – alle bei Kiepenheuer & Witsch in Köln erschienen. Katja Lange-Müller ist mit vielen Preisen bereits ausgezeichnet worden, u.a. mit dem Ingeborg Bachmann-Preis 1986, mit dem Berliner Literaturpreis 1996, mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2008. 2012 hatte sie ein Villa Massimo-Stipendium in Rom.
Der Kleist-Preis wird Katja Lange-Müller am 17. November 2013 in Berlin während einer Matinée im Berliner Ensemble übergeben, die Claus Peymann inszenieren wird. Die Laudatio hält Nike Wagner, die langjährige Leiterin des Kunstfestes Weimar, die kürzlich für die Intendanz des Bonner Beethovenfestes nominiert wurde. Sie hat – als von der Jury der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft gewählte Vertrauensperson – Katja Lange-Müller in alleiniger Verantwortung, der Tradition des Kleist-Preises gemäß, zur Preisträgerin bestimmt. Die Jury des Kleist-Preises bestand diesmal aus Jens Bisky (SZ), Günter Blamberger (Universität zu Köln), Gabriele Brandstetter (FU Berlin), Wolfgang de Bruyn (Kleist-Museum Frankfurt/Oder), Michael Maar (freier Autor) und Sigrid Weigel (Zentrum für Literaturforschung Berlin). 
Der Kleist-Preis ist mit 20.000 Euro dotiert. Das Preisgeld geben die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie die Ministerien für Wissenschaft, Forschung und Kultur der Länder Berlin und Brandenburg. Der Kleist-Preis hat eine lange Tradition. In den zehner und zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden u.a. Hans Henny Jahnn, Bertolt Brecht, Robert Musil oder Anna Seghers ausgezeichnet. Nach der Wiederbegründung des Preises 1985 hießen die Preisträger u.a. Alexander Kluge, Thomas Brasch, Heiner Müller, Ernst Jandl, Monika Maron, Herta Müller, Hans Joachim Schädlich, Martin Mosebach, Gert Jonke, Daniel Kehlmann, Wilhelm Genazino, Arnold Stadler, Sibylle Lewitscharoff und zuletzt Navid Kermani.


Kleist-Preis 2012 an Navid Kermani verliehen

Am 18. November erhielt der Kölner SchriftstellerNavid Kermaniauf einer Matinée im Berliner Ensemble den Kleist-Preis 2012.  Der mit 20.000 € dotierte Preis wird ermöglicht durch die finanzielle Unterstützung des Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien, der Länder Berlin und Brandenburg sowie der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck und jährlich von der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft vergeben.  
Die Rede von Prof. Dr. Günter Blamberger, Präsident der Kleist-Gesellschaft, zur diesjährigen Preisverleihung lesen Sie hier.
Die Laudatio hielt der Präsident des Deutschen Bundestages, Dr. Norbert Lammert, der – als von der Jury der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft gewählter Vertrauensmann – Navid Kermani in alleiniger Verantwortung, der Tradition des Preises gemäß, zum Preisträger bestimmt hat.
Den Wortlaut der Dankesrede von Navid Kermani finden Sie hier.


Norbert Lammert verleiht den Kleist-Preis 2012 an den Kölner Schriftsteller Navid Kermani

Der Kleist-Preis des Jahres 2012 geht an den Kölner Schriftsteller Navid Kermani. Kermani, 1967 in Siegen geboren, ist habilitierter Orientalist, Senior Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 2011 erschien im Hanser-Verlag sein Roman „Dein Name“. Für sein literarisches und essayistisches Werk wurde Kermani vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Hannah Arendt-Preis 2011 und dem Kölner Kulturpreis 2012. 

Der Kleist-Preis wird Navid Kermani am 18. November 2012 in Berlin während einer Matinée im Berliner Ensemble übergeben. Die Laudatio hält der Präsident des deutschen Bundestages, Dr. Norbert Lammert, der – als von der Jury der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft gewählter Vertrauensmann – Navid Kermani in alleiniger Verantwortung, der Tradition des Preises gemäß, zum Preisträger bestimmt hat.

Der Kleist-Preis ist mit 20.000 Euro dotiert. Das Preisgeld geben die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie die Ministerien für Wissenschaft, Forschung und Kultur der Länder Berlin und Brandenburg. Der Kleist-Preis hat eine lange Tradition. In den zehner und zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden u.a. Hans Henny Jahnn, Bertolt Brecht, Robert Musil oder Anna Seghers ausgezeichnet. Nach der Wiederbegründung des Preises 1985 hießen die Preisträger u.a. Alexander Kluge, Thomas Brasch, Heiner Müller, Ernst Jandl, Monika Maron, Herta Müller, Hans Joachim Schädlich, Martin Mosebach, Gert Jonke, Daniel Kehlmann, Wilhelm Genazino, Arnold Stadler und zuletzt Sibylle Lewitscharoff.


Verleihung des Kleist-Preises 2011

Sonntag, 20. November 2011, 11 Uhr
Berliner Ensemble
 

Der Kleist-Preis 2011 ging an die Berliner Autorin Sibylle Lewitscharoff, deren Roman Blumenberg, eine fiktive Hommage an den Philosophen Hans Blumenberg, demnächst im Suhrkamp Verlag erscheinen wird. Sibylle Lewitscharoffs Werke wurden bereits vielfach ausgezeichnet. Für den Roman Pong erhielt sie 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis, für den Roman Apostoloff den Preis der Leipziger Buchmesse 2009.

Der renommierte Kleist-Preis wurde Sibylle Lewitscharoff am 20. November in Berlin während einer Matinée im Berliner Ensemble übergeben, einen Tag vor Kleists 200. Todestag am 21. November. Die Laudatio hielt der Schriftsteller Martin Mosebach als von der Jury der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft gewählter Vertrauensmann. Der Kleist-Preis ist mit 20.000 Euro dotiert. Das Preisgeld geben die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, der Bund sowie die Länder Berlin und Brandenburg. Der Kleist-Preis hat eine lange Tradition. In den zehner und zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden Hans Henny Jahnn, Bertolt Brecht, Robert Musil oder Anna Seghers ausgezeichnet. Nach der Wiederbegründung des Preises 1985 hießen die Preisträger u.a. Alexander Kluge, Thomas Brasch, Heiner Müller, Ernst Jandl, Monika Maron, Herta Müller, Hans Joachim Schädlich, Dirk von Petersdorff, Barbara Honigmann, Judith Hermann, Albert Ostermaier, Martin Mosebach, Emine Sevgi Özdamar, Gert Jonke, Wilhelm Genazino, Max Goldt, Arnold Stadler und zuletzt Ferdinand von Schirach.

zur Geschichte des Kleist-Preises


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